Veganes Leder ist ein Sammelbegriff für lederähnliche Materialien ohne tierische Bestandteile, von klassischem Kunstleder aus PU oder PVC bis zu Materialien aus Ananasblättern, Kaktus, Äpfeln oder Pilzen. Die meisten davon enthalten trotzdem Kunststoff, oft als Beschichtung oder Bindemittel, nur wenige kommen komplett ohne aus. Hier bekommst du einen ehrlichen Überblick über die wichtigsten Materialien, ihre Zusammensetzung, Haltbarkeit und Pflege, inklusive Vergleichstabelle.
Auf einen Blick
- Was ist es: Lederalternativen ohne Tierhaut, rechtlich kein „Leder“
- Hauptgruppen: Kunstleder (PU, PVC), pflanzenbasierte Verbundmaterialien, weitgehend kunststofffreie Materialien
- Typischer Aufbau: Trägerstoff (Textil) plus Beschichtung, oft mit Polyurethan
- Stärken: tierfrei, vielseitig, oft leichter und günstiger als Leder
- Schwächen: meist Kunststoffanteil, oft weniger langlebig, schwer zu recyceln
- Pflege: feuchtes Tuch, milde Seife, keine Hitze
Was ist veganes Leder?
„Veganes Leder“ ist ein Marketingbegriff, kein technischer. Gemeint sind Materialien, die wie Leder aussehen und sich ähnlich verarbeiten lassen, aber ohne Tierhaut hergestellt werden. In Deutschland ist der Begriff „Leder“ durch Normen und das Wettbewerbsrecht geschützt: Nach der Kennzeichnungsvorschrift RAL 060 A2 und der Norm DIN EN 15987 darf nur Material aus gegerbter Tierhaut so heißen. Wortverbindungen wie „PU-Leder“ oder „Recycling-Leder“ sind für lederähnliche Materialien laut RAL-Vorschrift unzulässig, erlaubt ist dagegen der Begriff „Kunstleder“.
Im Handel findest du deshalb viele Umschreibungen: Lederalternative, Lederimitat, Kunstleder, Pflanzenleder oder eben veganes Leder. Wichtig für dich: Keiner dieser Begriffe sagt etwas darüber aus, ob das Material Kunststoff enthält oder wie nachhaltig es ist. Das erfährst du nur über die genaue Zusammensetzung.
Kunstleder aus PU und PVC
Der Großteil dessen, was als veganes Leder verkauft wird, ist klassisches Kunstleder. Es besteht aus einem Trägerstoff, meist Polyester oder Baumwolle, und einer Kunststoffbeschichtung.
- PU (Polyurethan): weicher und atmungsaktiver als PVC, heute am häufigsten bei Schuhen, Taschen und Jacken. PU ist ein Kunststoff auf Erdölbasis, es gibt aber auch teilweise biobasierte Varianten.
- PVC (Polyvinylchlorid): robust und billig, aber steifer. PVC braucht Weichmacher, um flexibel zu bleiben, und gilt wegen seines Chlorgehalts bei Herstellung und Entsorgung als besonders problematisch.
Kunstleder ist tierfrei, aber nicht plastikfrei. Wie bei Kleidung aus Polyester stammt der Rohstoff meist aus Erdöl, und beim Tragen und Entsorgen entsteht Abrieb.
Pflanzliche Lederalternativen: von Apfel bis Kaktus
Seit einigen Jahren kommen Materialien auf den Markt, die Reste aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie nutzen. Sie klingen natürlicher, sind aber fast immer Verbundmaterialien: Pflanzliche Fasern oder Pulver werden mit einem Bindemittel kombiniert und auf einen Träger aufgebracht.
Ananasleder (Piñatex®)
Piñatex nutzt Fasern aus Ananasblättern, die bei der Ernte übrig bleiben. Laut Hersteller Ananas Anam besteht das Basismaterial zu 80 % aus Ananasblattfasern und zu 20 % aus PLA, einem biobasierten Kunststoff. Darauf kommt eine Beschichtung: Bei den Varianten Original und Mineral macht wasserbasiertes PU-Harz rund 10 % der Gesamtzusammensetzung aus, bei der Variante Performance sind es 42 % aus konventionellem und biobasiertem PU. Die Fasern stammen von den Philippinen, die Veredelung erfolgt in Spanien.
Kaktusleder (Desserto®)
Desserto wird in Mexiko aus Feigenkakteen entwickelt. Der Hersteller gibt an, dass seine fortschrittlichsten Materialien zu 90 % biobasiert sind und ein eigenes, patentiertes Biopolymer statt herkömmlicher Kunststoffe nutzen. Das Forschungsinstitut FILK in Freiberg veröffentlichte 2021 Untersuchungen an Desserto-Proben und fand eine Polyurethanbeschichtung auf einem Polyesterträger. Die Zusammensetzung kann sich je nach Produktlinie und Jahrgang unterscheiden.
Apfelleder (z. B. AppleSkin)
Apfelleder verwendet Trester, also Reste aus der Apfelsaftherstellung. Das getrocknete und gemahlene Material wird mit Polyurethan vermischt und auf einen Textilträger aufgebracht. Der Pflanzenanteil ersetzt einen Teil des Kunststoffs, macht das Material aber nicht plastikfrei.
Weinleder (z. B. Vegea)
Weinleder nutzt Trester aus der Weinherstellung, also Schalen, Kerne und Stiele. Auch hier werden die Pflanzenreste mit Bindemitteln zu einer Beschichtung verarbeitet. In der FILK-Untersuchung wurden auch bei diesem Material problematische Stoffe aus der Kunststoffchemie nachgewiesen.
Pilzleder (Myzel)
Myzel ist das Wurzelgeflecht von Pilzen, das sich unter kontrollierten Bedingungen zu flächigen Matten züchten lässt. Das Material galt lange als große Hoffnung. Der bekannte Anbieter Bolt Threads stoppte 2023 allerdings die Produktion seines Myzelmaterials Mylo, weil nicht genug Finanzierung für die Skalierung zusammenkam. Das zeigt: Viele neue Materialien sind noch nicht in großen Mengen verfügbar.
Mirum® und Kork: Alternativen ohne Plastik
Wenn du wirklich kunststofffreie Alternativen suchst, wird die Auswahl klein. Mirum des US-Herstellers Natural Fiber Welding besteht laut Hersteller aus Naturkautschuk, Pflanzenölen und Wachsen, natürlichen Pigmenten und Mineralien und wird als plastikfrei vermarktet. Korkleder wird aus der Rinde der Korkeiche gewonnen, die nachwächst, ohne dass der Baum gefällt wird. Für Taschen und Accessoires wird Kork meist auf einen Stoff kaschiert. Ob dafür Kunststoffklebstoffe verwendet werden, solltest du beim Hersteller erfragen.
Veganes Leder im Vergleich: die Tabelle
| Material | Basis | Kunststoffanteil | Stärken | Schwächen |
|---|---|---|---|---|
| PVC-Kunstleder | Textilträger mit PVC-Beschichtung | hoch | günstig, robust, abwischbar | Weichmacher, Chlor, kaum atmungsaktiv |
| PU-Kunstleder | Textilträger mit PU-Beschichtung | hoch | weich, vielseitig, preiswert | Erdölbasis, kann mit der Zeit brechen oder abblättern |
| Ananasleder (Piñatex) | 80 % Ananasfaser, 20 % PLA, PU-Beschichtung | ca. 10 % bis 42 % PU je nach Variante, plus PLA | nutzt Ernteabfälle, eigenständige Optik | nicht plastikfrei, Basis nur industriell abbaubar |
| Kaktusleder (Desserto) | Kaktusbestandteile mit Polymer | laut Hersteller bis 10 % nicht biobasiert, Tests fanden PU und Polyesterträger | leder-ähnliche Haptik | Zusammensetzung schwer nachprüfbar |
| Apfelleder | Apfeltrester mit PU auf Textil | deutlich | nutzt Lebensmittelreste | nicht plastikfrei |
| Weinleder | Traubentrester mit Bindemittel | deutlich | nutzt Reste der Weinherstellung | nicht plastikfrei |
| Pilzleder (Myzel) | Pilzmyzel, oft mit Beschichtung | je nach Hersteller | schnell nachwachsender Rohstoff | kaum verfügbar, Anbieter kämpfen mit Skalierung |
| Mirum | Naturkautschuk, Pflanzenöle, Wachse | laut Hersteller keiner | plastikfrei | noch wenig verbreitet |
| Kork | Korkeichenrinde auf Trägerstoff | je nach Kleber und Träger | nachwachsend, wasserabweisend | weniger dehnbar, begrenzte Einsatzbereiche |
Veganes Leder oder echtes Leder: Was ist besser?
Eine pauschale Antwort gibt es nicht, weil beide Seiten Vor- und Nachteile haben. Das FILK Freiberg Institute, ein auf Leder und Kunststoffbahnen spezialisiertes Forschungsinstitut, hat 2021 Leder, Kunstleder und mehrere neue Alternativen technisch verglichen. Laut der Studie und der Berichterstattung darüber bestehen viele der neuen Materialien zu einem erheblichen Teil aus Kunststoffen und erreichen bei Reißfestigkeit und Haltbarkeit nicht die Werte von Leder. In einigen Proben wurden außerdem Schadstoffe wie Weichmacher oder Lösemittelreste nachgewiesen.
Echtes Leder hat andere Probleme: Es stammt von Tieren, und das Gerben ist chemikalienintensiv. Für viele Menschen ist das Tierwohl der entscheidende Punkt, und das ist ein legitimer Grund, Leder zu meiden.
- Haltbarkeit: Hochwertiges Leder hält oft länger. Bei Kunstleder kann die Beschichtung nach einigen Jahren brechen.
- Atmungsaktivität: Leder ist meist atmungsaktiver, was vor allem bei Schuhen spürbar ist.
- Pflege: Veganes Leder ist oft pflegeleichter, Leder braucht Fett oder Wachs.
- Tierwohl: Veganes Leder kommt ohne Tierhaut aus.
- Entsorgung: Verbundmaterialien aus Pflanzenresten und Kunststoff lassen sich kaum trennen und recyceln.
Ist veganes Leder nachhaltig?
Veganes Leder ist vor allem tierfreundlich, nachhaltig ist es nicht automatisch. Entscheidend sind drei Fragen: Wie viel Kunststoff steckt drin? Wie lange hält das Produkt? Was passiert am Ende damit? Ein Kunstleder-Rucksack, der nach zwei Saisons zerbröselt, ist schlechter als ein langlebiges Stück, das du zehn Jahre nutzt.
Bei Schuhen spielt die Langlebigkeit eine besonders große Rolle. Worauf du dort achten kannst, erklären wir im Ratgeber zu veganen Schuhen. Wenn dir Schadstofffreiheit wichtig ist, hilft ein Blick auf OEKO-TEX-Siegel, die Materialien und Produkte auf Schadstoffe prüfen. Und die nachhaltigste Tasche ist oft die, die du schon hast oder gebraucht kaufst, statt jede Saison einem Trend aus der Fast-Fashion-Industrie hinterherzulaufen.
Worauf du beim Kauf achten solltest
- Zusammensetzung erfragen: Welcher Anteil ist pflanzlich, welcher Kunststoff? Seriöse Marken nennen Prozentwerte.
- Trägermaterial prüfen: Besteht die Rückseite aus Polyester, Baumwolle oder einem anderen Stoff?
- Auf Verarbeitung achten: Saubere Nähte und dicke, gleichmäßige Beschichtungen halten länger.
- Einsatzbereich bedenken: Für stark beanspruchte Schuhe gelten andere Anforderungen als für eine Clutch.
- Reparierbarkeit: Lassen sich Riemen, Reißverschlüsse oder Sohlen austauschen?
Veganes Leder pflegen
Die meisten veganen Materialien sind pflegeleicht. Mit diesen Regeln hältst du sie länger schön:
- Sanft reinigen: Mit einem feuchten Tuch und etwas milder Seife abwischen, danach vollständig trocknen lassen. So empfiehlt es etwa Ananas Anam für Piñatex.
- Keine Lederpflege auf Kunststoffbasis ohne Test: Klassische Lederfette sind für Tierhaut gemacht. Für manche Materialien, etwa Piñatex Original, empfiehlt der Hersteller farbloses Naturwachs.
- Hitze meiden: Nicht auf die Heizung stellen und nicht föhnen, sonst kann die Beschichtung spröde werden.
- Richtig lagern: Taschen ausgestopft und ohne direkte Sonne aufbewahren, damit sie nicht knicken und ausbleichen.
- Kleine Schäden früh beheben: Lose Nähte oder Kanten lassen sich beim Schuster oder in der Schneiderei oft günstig reparieren.
Mehr über andere Materialien und wie sie sich schlagen, erfährst du in unserem Materiallexikon.
Häufige Fragen
Was ist veganes Leder?
Veganes Leder ist ein Sammelbegriff für lederähnliche Materialien ohne tierische Bestandteile. Dazu gehören Kunstleder aus PU oder PVC ebenso wie Materialien aus Ananas, Kaktus, Äpfeln, Pilzen oder Kork.
Wie haltbar ist veganes Leder?
Das hängt stark vom Material ab. Eine Vergleichsstudie des FILK Freiberg Institute ergab, dass viele Alternativen bei Reißfestigkeit und Haltbarkeit nicht an Leder heranreichen. Gute Verarbeitung und schonende Nutzung verlängern die Lebensdauer deutlich.
Gibt es veganes Leder ohne Plastik?
Ja, aber selten. Mirum wird vom Hersteller als plastikfrei vermarktet, auch Kork kann weitgehend ohne Kunststoff auskommen. Die meisten Pflanzenleder wie Ananas-, Apfel- oder Kaktusleder enthalten dagegen PU oder andere Kunststoffe.
Wie pflege ich veganes Leder richtig?
Mit einem feuchten Tuch und milder Seife abwischen, gut trocknen lassen und Hitze vermeiden. Klassische Lederfette sind meist nicht nötig, prüfe die Pflegehinweise des Herstellers.
Ist PU-Leder echtes Leder?
Nein. PU-Leder ist Kunstleder mit einer Polyurethanbeschichtung. Nach der deutschen Kennzeichnungsvorschrift RAL 060 A2 ist die Bezeichnung „PU-Leder“ für solche Materialien eigentlich unzulässig.
Was ist Piñatex?
Piñatex ist ein Material der Firma Ananas Anam aus Ananasblattfasern. Die Basis besteht zu 80 % aus Ananasfasern und zu 20 % aus PLA und wird mit PU beschichtet.
Quellen
- Verband der Deutschen Lederindustrie (VDL): Bezeichnungsvorschriften für Leder
- Ananas Anam: Piñatex FAQs
- Desserto: FAQ
- Natural Fiber Welding: MIRUM®
- FashionUnited: Warum Lederalternativen nicht unbedingt „tierfreundliche“ Anforderungen erfüllen
- Meyer et al. (FILK Freiberg Institute), Coatings 2021: Comparison of the Technical Performance of Leather, Artificial Leather, and Trendy Alternatives
- FashionUnited UK: Bolt Threads reportedly pulls plug on Stella McCartney-backed Mylo



