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Lyocell: Was ist das? Herstellung, Vor- und Nachteile, Pflege

Hellgrüner Lyocell-Stoff mit Eukalyptuszweig und Holzspänen auf einem Holztisch

Lyocell ist eine Faser aus Zellulose, die meist aus Holz gewonnen und in einem Lösungsmittelverfahren zu Fasern gesponnen wird. Der Stoff fühlt sich weich und kühl an, nimmt Feuchtigkeit gut auf und gilt unter den Holzfasern als die Variante mit dem saubersten Herstellungsprozess.

In diesem Lexikon-Artikel erfährst du, wie Lyocell entsteht, was der Unterschied zu Tencel, Viskose und Baumwolle ist, wo die Schwächen der Faser liegen und wie du Kleidung aus Lyocell richtig pflegst, damit sie lange schön bleibt.

Auf einen Blick

  • Rohstoff: Zellulose, meist aus Holz; auch Hanf, landwirtschaftliche Reststoffe oder recycelter Zellstoff sind möglich
  • Fasertyp: Regeneratfaser (Chemiefaser aus natürlichem Rohstoff), Kurzzeichen CLY
  • Verfahren: Lösen der Zellulose in NMMO und Wasser, Lösungsmittel wird zurückgewonnen
  • Eigenschaften: weich, glatt, fließender Fall, hohe Festigkeit auch im nassen Zustand, gute Feuchtigkeitsaufnahme, geringe Knitterneigung
  • Pflege: schonend waschen, auf links drehen, niedrige Schleuderzahl, Pflegeetikett beachten
  • Bekannter Markenname: TENCEL™ Lyocell (Lenzing AG)

Was ist Lyocell genau?

Lyocell gehört zu den sogenannten Regeneratfasern. Das bedeutet: Der Grundstoff ist natürliche Zellulose, die Faser selbst entsteht aber erst in einer Fabrik. Damit ist Lyocell weder eine klassische Naturfaser wie Baumwolle oder Leinen noch eine synthetische Faser wie Polyester, sondern liegt dazwischen.

Auch rechtlich ist der Begriff klar geregelt. Die EU-Textilkennzeichnungsverordnung (EU) Nr. 1007/2011 beschreibt Lyocell als regenerierte Zellulosefaser, die durch ein Auflösungs- und Spinnverfahren in einem organischen Lösungsmittel entsteht, und zwar ohne Bildung von Derivaten. Genau dieser Punkt unterscheidet Lyocell chemisch von Viskose, bei der die Zellulose erst in eine Zwischenverbindung umgewandelt wird.

Mengenmäßig ist Lyocell eine Nische. Laut dem Materials Market Report 2025 von Textile Exchange wurden 2024 weltweit rund 132 Millionen Tonnen Fasern produziert, davon etwa 0,4 Millionen Tonnen Lyocell. Das entspricht rund 0,3 % der globalen Faserproduktion und etwa 5 % aller Zellulose-Chemiefasern.

Lyocell und Tencel: Wo ist der Unterschied?

Lyocell ist die allgemeine Faserbezeichnung, TENCEL™ ist ein Markenname des österreichischen Faserherstellers Lenzing. Jede TENCEL™ Lyocell-Faser ist also Lyocell, aber nicht jedes Lyocell stammt von Lenzing. Auf dem Etikett muss laut EU-Recht die Faserbezeichnung stehen, der Markenname darf zusätzlich genannt werden. Mehr zur Marke und ihren Varianten liest du in unserem Artikel über Tencel und seine Faservarianten.

Wie wird Lyocell hergestellt?

Die Herstellung folgt einem Prinzip, das Fachleute Direkt-Lösemittelverfahren nennen. Vereinfacht läuft es in fünf Schritten ab:

  1. Zellstoff gewinnen: Aus Holz wird Zellstoff hergestellt. Lenzing gibt an, das Holz für TENCEL™ Lyocell aus zertifizierten oder kontrollierten Quellen (FSC® oder PEFC) zu beziehen.
  2. Lösen: Der zerkleinerte Zellstoff wird mit dem Lösungsmittel N-Methylmorpholin-N-oxid (NMMO) und Wasser vermischt. Unter Vakuum und Wärme wird Wasser entzogen, bis sich die Zellulose auflöst.
  3. Spinnen: Die zähe Spinnlösung wird gefiltert und durch feine Düsen gepresst.
  4. Ausfällen: In einem Bad aus verdünnter NMMO-Lösung erstarren die Fäden zu Fasern.
  5. Waschen und Rückgewinnen: Die Fasern werden gewaschen, getrocknet und je nach Einsatz geschnitten. Das Lösungsmittel wird aus dem Wasser zurückgewonnen und wiederverwendet.

Beim letzten Schritt liegt der große Unterschied zu anderen Holzfasern. Lenzing gibt für TENCEL™ Lyocell an, dass mehr als 99,8 % des Lösungsmittels zurückgewonnen und wieder in den Kreislauf gegeben werden. Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus nennt für das Lyocell-Verfahren allgemein eine Rückgewinnung von ca. 99 %.

NMMO selbst gilt als nicht toxisch, kann aber Augen, Haut und Atemwege reizen. Für den Prozess wird es deshalb in einem geschlossenen Kreislauf geführt. Die Europäische Kommission zeichnete das Verfahren im Jahr 2000 mit dem Europäischen Umweltpreis in der Kategorie Technologie für nachhaltige Entwicklung aus.

Kurze Geschichte der Faser

Entwickelt wurde Lyocell in den 1980er Jahren. Der britische Hersteller Courtaulds nahm 1987 in Grimsby eine erste halbkommerzielle Anlage in Betrieb und produzierte ab 1991 in den USA unter dem Namen Tencel. Lenzing startete 1997 die Produktion im österreichischen Heiligenkreuz und übernahm 2004 die Tencel-Gruppe. Seitdem ist Tencel eine Lenzing-Marke.

Welche Eigenschaften hat Lyocell?

Lyocell-Stoffe haben einen glatten, kühlen Griff und einen fließenden Fall. Die Fasern sind im trockenen und im nassen Zustand sehr fest und nehmen Feuchtigkeit gut auf. Das macht Lyocell zu einem beliebten Material für Blusen, Kleider, Hemden, Bettwäsche und Sportbekleidung, oft auch in Mischung mit Baumwolle, Wolle oder Modal.

Vorteile von Lyocell

  • Angenehm auf der Haut: glatte Faseroberfläche, weicher Griff, kühles Tragegefühl.
  • Feuchtigkeitsmanagement: Die Faser nimmt Feuchtigkeit gut auf und gibt sie wieder ab. Das ist im Sommer und im Bett spürbar.
  • Stabil im nassen Zustand: Anders als Viskose verliert Lyocell beim Waschen kaum an Festigkeit.
  • Knitterarm: Lyocell-Textilien neigen weniger zu Falten als viele Baumwoll- oder Viskosestoffe.
  • Biologisch abbaubar: Als Zellulosefaser wird Lyocell von Mikroorganismen abgebaut. Lenzing gibt an, dass TENCEL™ Lyocell von TÜV Austria als biologisch abbaubar in Boden, Süßwasser und Meerwasser sowie als kompostierbar zertifiziert ist.
  • Vielseitig: Die Faser lässt sich zu seidig glatten Stoffen, zu Denim oder zu Stoffen mit samtiger Pfirsichhaut-Oberfläche verarbeiten.

Nachteile von Lyocell

  • Fibrillation: Bei starker Reibung im nassen Zustand können sich an der Faseroberfläche feine Härchen abspalten. Das kann zu einem helleren, leicht pelzigen Aussehen führen, vor allem bei dunklen Farben.
  • Empfindlich in der Wäsche: Hohe Temperaturen, volle Trommel und hohe Schleuderzahlen können die Oberfläche strapazieren.
  • Nicht automatisch nachhaltig: Das Verfahren ist relativ sauber, aber Holzherkunft, Energiequelle, Färbung und Ausrüstung entscheiden mit über die Bilanz.
  • Mischgewebe: Lyocell mit Polyester oder Elastan ist nicht mehr vollständig biologisch abbaubar und schwerer zu recyceln.
  • Preis: Kleidung aus Lyocell ist oft teurer als vergleichbare Stücke aus Viskose oder Polyester.

Lyocell im Vergleich: Baumwolle, Viskose, Modal und Polyester

Die Tabelle zeigt die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick. Die Angaben sind allgemein und können je nach Garn, Webart und Ausrüstung abweichen.

Kriterium Lyocell Baumwolle Viskose Modal Polyester
Rohstoff Zellulose, meist aus Holz Samenhaar der Baumwollpflanze Zellulose aus Holz, Bambus u. a. Zellulose, oft aus Buchenholz Erdöl (oder recycelte PET-Flaschen)
Fasertyp Regeneratfaser Naturfaser Regeneratfaser Regeneratfaser Synthetikfaser
Verfahren Direktes Lösen in NMMO, Lösungsmittel im Kreislauf Anbau, Ernte, Entkörnen, Spinnen Viskoseverfahren mit Natronlauge und Schwefelkohlenstoff Abgewandeltes Viskoseverfahren Schmelzspinnen aus Kunststoff
Feuchtigkeitsaufnahme hoch hoch hoch hoch sehr gering
Festigkeit nass hoch höher als trocken deutlich geringer als trocken hoch hoch
Knitterneigung gering mittel bis hoch hoch gering sehr gering
Biologisch abbaubar ja (ohne Kunstfaser-Anteil) ja ja ja nein, gibt Mikroplastik ab

Lyocell oder Baumwolle: Was ist besser?

Beide Fasern sind atmungsaktiv und hautfreundlich, sie haben aber unterschiedliche Stärken. Lyocell ist glatter, fällt fließender, knittert weniger und fühlt sich kühler an. Baumwolle ist robuster gegenüber heißer Wäsche und im Alltag oft unkomplizierter. Ökologisch hängt der Vergleich stark vom Anbau ab: Bio-Baumwolle mit GOTS-Zertifizierung und Lyocell aus zertifiziertem Holz sind beide gute Optionen, während konventionelle Baumwolle und Lyocell unbekannter Herkunft schwer zu bewerten sind.

Lyocell oder Viskose?

Chemisch bestehen beide aus Zellulose, der Unterschied liegt im Verfahren. Für Viskose werden Natronlauge und Schwefelkohlenstoff eingesetzt, dessen Emissionen in Luft und Wasser Mensch und Umwelt schaden können, wenn Anlagen schlecht geführt werden. Lyocell kommt ohne diese Chemikalien aus. Außerdem ist Lyocell im nassen Zustand deutlich stabiler. Wie Viskose im Detail hergestellt wird und welche besseren Varianten es gibt, erklären wir im Artikel Viskose: Eigenschaften und Umweltbilanz.

Lyocell oder Modal?

Modal ist eine Weiterentwicklung der Viskose mit höherer Nassfestigkeit und besonders weichem Griff. Es wird oft für Unterwäsche und Shirts genutzt, während Lyocell häufiger in gewebten Stoffen, Denim und Bettwäsche steckt. Mehr dazu im Beitrag Modal Stoff und der Unterschied zu Viskose.

Ist Lyocell nachhaltig?

Lyocell gilt zu Recht als eine der umweltfreundlicheren Fasern, ist aber kein Selbstläufer. Positiv sind der nachwachsende Rohstoff, das geschlossene Lösungsmittelverfahren und die biologische Abbaubarkeit. Die Verbraucherzentrale NRW nennt das Lyocell-Verfahren ausdrücklich als umweltfreundlichere Alternative zur klassischen Viskoseherstellung.

Gleichzeitig solltest du auf drei Punkte achten:

  • Holzherkunft: Die Umweltorganisation Canopy bewertet in ihrem jährlichen Hot Button Report, ob Hersteller von Zellulosefasern Holz aus alten und gefährdeten Wäldern ausschließen. Siegel wie FSC oder PEFC für das Holz sind ein gutes Zeichen.
  • Weiterverarbeitung: Färben, Bleichen und Veredeln passieren nach der Faserherstellung. Hier helfen Textilsiegel wie OEKO-TEX (Schadstoffprüfung) oder GOTS, das neben Bio-Naturfasern auch einen begrenzten Anteil Lyocell zulässt.
  • Soziale Standards: Die Faser sagt nichts über die Arbeitsbedingungen in der Näherei. Dafür gibt es Siegel wie den Grünen Knopf oder Fairtrade Textile Production.

Am nachhaltigsten ist ohnehin das Kleidungsstück, das du lange trägst. Ein Lyocell-Kleid, das zehn Sommer hält, schlägt jedes Wegwerf-Teil, egal aus welcher Faser. Warum das so ist, liest du in unserem Hintergrund zu Fast Fashion und ihren Folgen.

Lyocell waschen und pflegen: So geht’s

Lyocell ist pflegeleichter als sein Ruf, reagiert aber empfindlich auf zu viel Reibung im nassen Zustand. Mit diesen Tipps bleibt die Oberfläche glatt und die Farbe satt:

  • Etikett zuerst: Die zulässige Temperatur hängt von Mischung, Färbung und Verarbeitung ab. Viele Lyocell-Teile sind für 30 °C oder 40 °C ausgelegt.
  • Auf links waschen: Das schützt die Außenseite vor Abrieb und Fibrillation.
  • Schonprogramm und halbe Trommel: Weniger Reibung bedeutet weniger Aufrauen. Ein Wäschenetz hilft zusätzlich.
  • Mildes Waschmittel: Ein Feinwaschmittel schont die Farben. Auf Bleichmittel solltest du verzichten.
  • Niedrig schleudern: Hohe Schleuderzahlen verstärken Knitter und Abrieb.
  • Lufttrocknen: Glatt ziehen und auf einem Bügel trocknen lassen. So musst du oft gar nicht bügeln.
  • Bügeln: Falls nötig, auf links und mit mittlerer Temperatur, idealerweise mit Dampf.
  • Weniger waschen: Oft reicht Auslüften. Das spart Energie und schont die Faser.

Wenn ein Lieblingsteil trotzdem an Glanz verliert, muss es nicht in den Müll. Ideen zum Umgestalten findest du in unserem Ratgeber zu Upcycling von Kleidung.

Für wen eignet sich Lyocell?

Lyocell passt gut zu dir, wenn du fließende, kühle Stoffe magst und im Sommer nicht in Synthetik schwitzen willst. Auch für Bettwäsche ist die Faser beliebt, weil sie Feuchtigkeit aufnimmt und glatt bleibt. Wenn du eine Capsule Wardrobe aufbaust, sind Blusen, Hemden oder Kleider aus Lyocell vielseitige Basics. Wer Kleidung dagegen oft heiß wäscht oder stark beansprucht, ist mit robuster Baumwolle manchmal besser bedient.

Weitere Fasern im direkten Vergleich findest du in unserem Überblick über nachhaltige Materialien und Stoffe.

Häufige Fragen

Ist Lyocell ein guter Stoff?

Ja, für viele Einsätze. Lyocell ist weich, fest, nimmt Feuchtigkeit gut auf und knittert wenig. Die Herstellung gilt als sauberer als die von Viskose, weil das Lösungsmittel größtenteils zurückgewonnen wird. Schwächen sind die Empfindlichkeit gegenüber Reibung in der Wäsche und der oft höhere Preis.

Was ist besser, Lyocell oder Baumwolle?

Das hängt vom Einsatz ab. Lyocell ist glatter, kühler und knitterärmer, Baumwolle ist robuster bei heißer Wäsche. Ökologisch sind Lyocell aus zertifiziertem Holz und GOTS-zertifizierte Bio-Baumwolle beide gute Optionen.

Ist Lyocell gut für den Sommer?

Ja. Lyocell fühlt sich kühl an, nimmt Feuchtigkeit gut auf und gibt sie wieder ab. Deshalb ist die Faser bei Sommerkleidern, Blusen und Bettwäsche für warme Nächte beliebt.

Ist Lyocell eine Naturfaser?

Nein, nicht im engeren Sinn. Lyocell besteht aus natürlicher Zellulose, wird aber industriell zu Fasern verarbeitet. Es zählt daher zu den Regeneratfasern, also zu den Chemiefasern aus natürlichem Rohstoff.

Ist Lyocell Plastik?

Nein. Reines Lyocell besteht aus Zellulose und ist biologisch abbaubar. Kunststoff kommt nur ins Spiel, wenn Lyocell mit Polyester oder Elastan gemischt oder mit bestimmten Beschichtungen ausgerüstet wird. Ein Blick auf das Etikett verrät die Zusammensetzung.

Schwitzt man in Lyocell?

In der Regel weniger als in Polyester, weil Lyocell Feuchtigkeit aufnehmen kann, während Polyester kaum Wasser aufnimmt. Wie angenehm sich ein Kleidungsstück anfühlt, hängt aber auch von Webart, Stoffdicke und Schnitt ab.

Quellen

  1. Verordnung (EU) Nr. 1007/2011, Anhang I: Liste der Textilfaserbezeichnungen (Volltext auch bei EUR-Lex)
  2. Textile Exchange: Materials Market Report 2025 (PDF)
  3. Lenzing AG: TENCEL™ Lyocell, Produktinformation
  4. Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus: Viskose und ihre Verwandtschaft
  5. Wikipedia: Lyocell (Herstellung, Geschichte, biologischer Abbau)
  6. Wikipedia: Viskosefaser (Eigenschaften der Regeneratfasern im Vergleich)
  7. Verbraucherzentrale NRW: Kleidung aus Bambus, wie ökologisch und hautverträglich ist sie?
  8. Canopy: Hot Button Report
Redaktion EFB Magazin
Unabhängig recherchiert, mit Quellen belegt. Mehr zu unserer Arbeitsweise: Redaktion & Methodik.

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